Üben unter größter Anstrengung

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Hell brennen die Lichter am Montagabend im Feuerwehrhaus. Auf dem Parkplatz reiht sich ein Auto ans andere. Drinnen, und damit kann der Unwissende auf Anhieb nicht rechnen, herrscht mancherorts totale Finsternis.

Allein die Atemgeräusche, die ein bisschen an Darth Vader aus den „Star Wars“-Filmen erinnern, verraten es: Hier, in der Dunkelheit der Umkleide und des Konferenzsaals, sind Menschen unterwegs. Genauer: die Atemschutzträger der Freiwilligen Feuerwehr Scheeßel. Dichter, alles Licht verschlingender Rauch, so wie er die komplett in Schutzausrüstung eingekleideten Kameraden im Realfall umgeben würde, will eben simuliert sein. „Und das klappt auf diese Weise auch recht gut“, sagt Tobias Klintworth. Heute hat er, der stellvertretende Ortsbrandmeister, ein genaues Auge darauf, dass beim Atemschutzgerätetraining alles glatt läuft. Und wenn nicht, dann gibt der erfahrene Feuerwehrmann den eben noch nicht ganz so Erfahrenen hier und da noch ein wenig Schützenhilfe.

Dass heutzutage ein Brandeinsatz der Feuerwehr ohne Atemschutz fast nicht mehr möglich ist, berichtet Gerätewart Matthias Retat. Immer mehr Kunststoffe würden in Wohnungen, Häusern und Fahrzeugen verbaut, die beim Verbrennen schädliche, teilweise ätzende und giftige Stoffe freisetzen. „Um die Atemwege nicht zu schädigen, arbeiten wir also unter Atemschutz.“ Aus der Druckluftflasche auf ihrem Rücken würden sie die Träger mit der lebensnotwendigen Luft versorgen. Die sei dort mit 300 bar komprimiert und reiche für maximal eine halbe Stunde aus.

Einmal im Jahr übt die Scheeßeler Atemschutzgruppe den Ernstfall im Gerätehaus. Heute sind es neun Kameraden, die in Dreiertrupps den Parcours durchlaufen – und angesichts der 18 Kilogramm schweren Ausrüstung dabei ordentlich ins Schwitzen kommen. Einer von ihnen ist Ralf Meyer. Im Team übt er gerade die Rettung eines verunfallten Kameraden. Dafür muss er gemeinsam mit einem Zweithelfer zunächst durch einen engen, mit Leinen überspannten Korridor kriechen – wie gesagt: in vollkommener Dunkelheit. Gar nicht so einfach, sich nicht mit den Sauerstoffflaschen in den Seilen zu verheddern. „Im Ernstfall haben die Jungs noch ihre Helmlampen an“, sagt Tobias Klintworth. Nur würden die in verrauchten Gebäuden auch nicht viel bringen: „Die ohnehin schon durch die Maske eingeschränkte Sicht ist dort gleich null.“ Vor allem soll die Simulation dazu beitragen, das womöglich aufkommende Gefühl von Panik zu bewältigen, erklärt der Trainingsleiter.

Nach wenigen Minuten ist die Übungseinheit beendet. Die Umkupplung der Ersatzflasche aus der mitgeführten Sicherheitstrupptasche war erfolgreich. Dennis, der Verunfallte in spe, lässt sich von den Kameraden abtransportieren – auch dies geschieht im Schleichgang. Ein kräftezehrendes Unterfangen. „Ob man jetzt bei diesem Training Opfer ist oder nicht – man hat keine Angst, weil man die Leute kennt“, sagt Ralf Meyer. Gegenseitiges Vertrauen sei in solchen Fällen eh das A und O.

Als Nächstes nimmt man sich die vollen Schaummittelkanister vor. Genau 20 Kilo ist einer schwer. Jeder nimmt zwei in die Hände – einen links, einen rechts –, und schon bewegen sich die Atemschutzträger schnellen Schrittes die Treppe hinauf ins Obergeschoss. Dort müssen sie eine vorgegebene Strecke abschreiten – in normalen Straßenklamotten sicher ein Kinderspiel, in voller Einsatzmontur sicher nicht. Auch dieses Vorgehen ist nicht aus der Luft gegriffen, wie Klintworth betont. Denn sollte eine Person einmal getragen werden müssen, bedürfe es seinen Worten nach auch einer gewissen Kondition. „Das ist durchaus mit einem Belastungs-EKG zu vergleichen “, meint er. Eine Belastungsübung im viel größeren Umfang würde übrigens in der Atemschutzübungsstrecke in Zeven erfolgen – deren Teilnahme sei für jeden Träger im Landkreis einmal pro Jahr verpflichtend.

Während die Kanisterträger oben noch Kanister tragen, geht es unten um die reibungslose Kommunikation – und um kunterbunte Bauklötzchen. Genau aus denen müssen zwei Kameraden eine Figur herstellen, so, wie sie ein Dritter im Nebenraum schon fix und fertig vor sich stehen hat. „Zwei Längliche, einmal grün, einmal gelb“, lautet seine Ansage durchs Funkgerät – und die Kameraden fischen die entsprechenden Teile aus dem Haufen heraus. Viele Anweisungen später haben sie auch das geschafft: Hier wie dort steht die gleiche Figur auf dem Tisch. Eine Feuerwehrübung kann eben auch spielerisch sein.

Mittlerweile fangen die ersten Atemschutzgeräte an, lautstark zu pfeifen – ein sicheres Indiz dafür, dass die 50-bar-Grenze erreicht ist. Ihren Trägern geht langsam, aber sicher die Luft aus. Noch aber hält sich ein Trupp hinter verschlossener Tür im Umkleideraum auf. Auch dort tappt das Trio im Dunkeln. Seine Aufgabe besteht darin, ein Strahlohr, welches der Trainingsleiter zuvor irgendwo versteckt hat, aufzuspüren. Unter dem Toilettendeckel werden die Kameraden schließlich fündig.

Nach gut 90 Minuten haben die Teilnehmer sämtliche Stationen durchlaufen – auch Ralf Meyer hat es geschafft. In der Fahrzeughalle streift er seine Atemschutzmaske ab. Sie hat im verschwitzten Gesicht tiefe Abdrücke hinterlassen. „Erst mal was trinken!“, sagt der Scheeßeler. Man sieht es den Männern an: das Training hat sie völlig geschlaucht. Man möchte ihnen weiß Gott nicht wünschen, in naher Zukunft schon wieder das Atemschutzgerät anlegen zu müssen – dann mit aller Sicherheit im Ernstfall.

Quelle: Kreiszeitung.de mit freundlicher Genehmigung von Lars Warnecke

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